Sam
Tagebuch eines
Samojeden
im Dezember 1999
09.
12. 1999
Begonnen hatte der
Tag wie jeder andere, seit dem ich hier bin. Der Chef versorgte seine vielen
Schlittenhunde - ich durfte meine Runden auf dem großen Hof drehen und war
wieder in meinem geräumigen Zwinger.
Dann kam
der Chef mit 2 Leuten - die sprachen über mich - der Chef zeigte in meine
Richtung. Ich hasse es, wenn ich zur Schau gestellt werde. Ich kenne zu Genüge
die mitleidigen Blicke. Nun ja, ich bin halb geschoren, meine Narben auf dem
Rücken schmerzen und das Ekzem juckt - mein Fell ist verfilzt und zottelig. Aber
warum sollte ich mich bürsten lassen. Es ist unangenehm und unter meiner Würde,
mich von Irgendjemandem am Fell ziehen zu lassen. Schließlich bin ich wer!
Und genau
das habe ich dem Fremden gleich gezeigt, als sie zu mir an den Zwinger kam. “Ej,
keine Hoffnung Neue - ich bestimme das Handeln!” Voller Wucht rannte ich gegen
den Zaun, knurrte wild und zeigte die Zähne. Tja gut, die war noch nicht einmal
erschrocken und zeigte keine Regung - habe ich eben meinen Korb zerlegt.
Dann hat
mich der Chef raus gelassen. Natürlich musste ich erst Runden drehen. Menschen
sind für mich uninteressant - doch halt - das riecht aber lecker -
K Ä S E - die Neue
sitzt einfach im Hof, ohne mich auch nur anzuschauen, und hat Käse in der Hand.
Da konnte ich nicht widerstehen. Ich drückte meine dicke Nase in die Hand und
konnte auch ein Stückchen ergattern. Ok - ich setze mich hin und mache
Teddygesicht, das wirkt immer. Und ich bekomme Käse. Da kann man sich auch an
die Leine machen lassen.Und los
geht es - hauruck - bitte etwas schneller und in diese Richtung! Nun gut, der
Kerl hat mich an der Leine und hält fest. Aber egal, Hauptsache Abwechslung! Ein
Samojedenmädchen haben sie auch dabei - nicht schlecht.
Tja - nun
sitze ich im Auto von den Neuen und wir fahren. Natürlich bin ich selbst
eingestiegen. Schließlich bin ich ein Samojede - und Samojeden lieben Abenteuer
und Abwechslung.
10.
12. 1999
Die Nacht
habe ich im Garten verbracht. Das Revier ist nicht schlecht. Es gibt noch mehr
Hunde und der Garten ist so groß, dass man richtig toben kann.
So, jetzt
muss ich den Neuen erst einmal klarmachen, wer der Boss ist. Ich als kräftiger
Samojedenrüde lasse schließlich nicht über mich bestimmen. Menschen wollen immer
nur das Eine. Erst kommen sie mit zuckersüßer Stimme oder locken mit Futter und
dann wird man gepackt und man ist ihnen ausgeliefert. Viel zu oft tat es schon
weh.
Oder auch
das ewige Angetatsche. Ich bestimme, wann, wo, wie und wie lange ich gekrault
werde, ist doch wohl klar, oder?
12.
12. 1999
Verdammt
- wer bin ich überhaupt. Die
beachtet mich überhaupt nicht. Sie spricht und sieht mich einfach nicht an - bin
ich Luft?
Und dann
bin ich auf einmal an der Leine und muss laufen. Ich habe Muskelkater, aber
Stehen bleiben nutzt nichts, die geht einfach weiter, ohne sich umzusehen und
zieht mich mit. Sogar wenn ich sie in die Beine zwicke. Hunger habe ich! Die
Ration im Napf ist ja zum Lachen. Aber die
scheint immer was in der Tasche zu haben. Plötzlich zaubert sie unterwegs ein
Stückchen Futter hervor. Aber denkt ihr, die rückt mal ordentlich was raus. Da
nutzt kein Bellen, Knurren oder Teddygesicht. Die läuft einfach weiter und wenn
ich nicht weggehe, überläuft sie mich. Und dann, irgendwann, gibt es wieder ein
Stück.
13.
12. 1999
Ich bin
kurz vorm Verzweifeln! Wisst
ihr, wie man sich fühlt, wenn man ein N I C H T S ist? Wie soll
ich der da klar machen, wer der Chef ist? Aber
einfach so beißen darf man doch nicht!
13.
12. 1999 - Nachtrag
Wau -
war das schön!!! Sie hat
mich gesehen, ja echt! Sie
sagte, sie macht jetzt ein paar Bilder von mir, hielt einen Apparat vor ihr
Gesicht und schaute mich an. Erst war ich erschrocken, verwirrt. Was tu ich
jetzt? Ich habe
mich so gefreut, dass ich mein Teddygesicht aufsetzte. Vor lauter Aufregung habe
ich sogar gewunken. Da hat
sie gelacht - es war ein schönes Lachen - so ohne Hintergedanken und Mitleid,
nein, es war ein Lachen aus dem Herzen, das einen selbst froh macht. Da konnte
ich nicht anders - ich bin hin zu dieser Frau, habe mich an ihr Bein gedrückt
und mich umfallen lassen, streckte die Beine in die Höhe und brummte vor lauter
Glück.
Und sie
hat mich berührt - mich richtig durchgeknuddelt an meinem Bauch - nur ganz kurz.
Dann stand sie auf und ging weg. Ich blieb noch einen Moment liegen, spürte noch
ihre Hand an meinem Körper - es war so schön! Ich hätte
es noch etwas länger geduldet.
17.
12. 1999
Seit dem
letzten Eintrag hat sich sehr viel geändert.
Ich werde
jetzt immer begrüßt, wenn sie kommt. Übrigens heiße ich jetzt Sascha - es klingt
schön aus ihrem Mund, wenn sie “Sascha” ruft. Dann lasse ich alles stehen und
liegen und renne hin zu ihr. Da gibt es nämlich immer etwas zu Knabbern - und
ich habe einen Knast, sage ich euch!
Spazierengehen macht jetzt unheimlich Spaß. Der Muskelkater ist weg und mir
fällt es viel leichter, die langen Strecken durchzuhalten. Und unterwegs gibt es
auch immer etwas.
Ich darf
jetzt immer in ihr Zimmer. Dort gibt es auch Leckerli, aber nur wenn die will.
Da kann ich mich hinsetzen, Pfote geben und bellen - denkste - die beachtet
mich. Dann kommt auf einmal “Sascha, Sitz” - ich setze mich und bekomme etwas.
Sie streicht mir über den Kopf - und da ist sie wieder - diese Stimme! “Sooo ist
s braaav, feiner Kerl” Das heißt nichts Gutes. Ich lege die Ohren zurück und
knurre. Es folgt
aber keine Ohrfeige, kein Fußtritt, nichts, was weh tut. Nein, ich muss einfach
nur gehen, raus aus diesem Zimmer.
18.
12. 1999
Ich
glaube, ich habe verstanden. Wenn ich mich anfassen lasse, solange die will,
kriege ich was. Knurre ich, muss ich gehen. Aber ich
will nicht weggehen, weg von dieser Frau. Ich will sie beobachten, ihre Mimik
verstehen lernen. Sie ist so ganz anders, ich fühle mich wohl in ihrer Nähe.
Habe ich
überhaupt schon erzählt, dass sie mit mir spielt? Ja, das
macht sie und es macht unheimlich Spaß.
Sie hat
Leckerli in der Hand und läuft los. Ich muss versuchen, immer bei ihr zu
bleiben. Wenn ich ganz nah bei Ihr bin, krieg ich das Leckerli. Manchmal läuft
sie einfach nach links oder rechts oder in die andere Richtung. Dann wird es
anstrengend und ich muss mich konzentrieren, auf ihre Körperbewegungen achten.
Aber wenn ich es schaffe und sie kann mich nicht austricksen mit einer
plötzlichen Kehrtwendung, freut sie sich und gibt mir eine ganze Handvoll zu
fressen. Menschen sind doch manchmal sonderbar.
19.
12. 1999
Heute war
großes Bürsten angesagt. Da muss ich auf den Tisch, aber da gibt es ja Leckerli,
also hopp, kein Problem. Angst vor der Bürste habe ich nicht mehr, weil Bürste
auch Leckerli heißt. Und los
ging es. Rücken, Mähne - alles kein Problem und es gab Leckerli. Sie redet
jetzt auch anders mit mir. “Jawohl - ein gscheiter Kerl - und da noch und dreh
dich mal - feingemacht, Dicker!” Dicker, das bin auch ich. Aber es klingt gut,
wenn sie “Dicker” sagt, ich glaube, es ist mein Kosename. So - nun
Bauch und unter den Beinen - aber das war mir zuviel. Sofort habe ich böse
geknurrt und die Zähne gezeigt. Und sie - “Dicker - Du siehst bescheuert aus,
wenn du so guckst!” Und sie stupste mir noch mit dem Finger auf die Nase.Ich war
so erstaunt, dass ich sie fragend anguckte und prompt gab es Leckerli - eine
ganze Hand voll. Musste ich gleich noch mal probieren - Pfote hinstrecken -
unter den Achseln bürsten lassen - Nase hochziehen und dann fragend gucken -
und - Leckerli
- oh, jetzt hatte ich das Knurren vergessen. Sehe ich wirklich bescheuert aus,
wenn ich die Lefzen hochziehe?
Ok -
Pfote hinstrecken - Lefzen untenlassen - verdammt, das ist schwer, wenn es
ziept! Was tat sie? Sie lobte mich ganz toll, machte einen richtigen Freudentanz
mit mir und ich bekam einen ganzen Hundeknacker!!! Ich
glaube, dafür halte ich jetzt das Bürsten aus.
20.
12. 1999
Verdammt,
ich glaube, ich habe alles versaut. Ob ich jetzt wieder hier weg muss? Nach
großem Krach musste ich immer gehen, zurück ins Tierheim.Heute
sollte ich richtig arbeiten. Vor den Schlitten hat sie mich gespannt, das
Samojedenmädchen vorneweg. Mein Halsband wurde in ihr Geschirr eingehängt. Tja,
die Hündin lief los und ich musste hinterher, konnte nicht schnüffeln und mal
hier und da gucken, musste laufen und ziehen. Nach einem Stück roch ich
plötzlich Fisch - oh toll und ich rannte los. Im Baum hing der Fisch in einer
Tüte. Sie ging hin und gab mir ein Stückchen, so für den hohlen Zahn. Also das
war mir zuviel. Die soll gefälligst alles raus rücken. Was denkt die sich. Und
das wollte ich ihr ganz bestimmt sagen und bin auf sie los, mit entblößtem
Gebiss, knurrend und stinksauer. Jetzt war die Zeit gekommen. Ich bin der wahre
Boss! Aber
verdammt, ich komme nicht an, gegen diese Frau. Ich glaube, sie war auf einmal
doppelt so groß als normal, als sie auf mich zuging und mich mit strenger Stimme
zurückschickte. Sie hat die Leine gepackt und mich mit einem kräftigen Ruck zu
einem Pfosten gezogen und mich dort angebunden. Dann lief sie vor mir auf und
ab. Ich hatte
Angst - bekomme ich jetzt Prügel? Plötzlich taten meine Narben auf dem Rücken
wieder weh. Aber
nein, sie nahm wortlos die Leine, sah mich wieder nicht an, guckte durch mich
hindurch - ich war wieder Luft für sie. Mit
hängendem Kopf trottete ich hinter ihr her. Bloß nicht auffallen, nicht ziehen
oder stehen bleiben. Ich weiß nicht mehr wie, plötzlich finde ich mich hier im
Zwinger wieder. Verdammt
- muss ich jetzt gehen?
20.
12. 1999 Nachtrag
Wir waren
gerade noch mal weg, die Chefin nur mit mir und dem Schlitten. Die ist nicht
sauer. Sie hat mich wie immer begrüßt. Sie hat
mich alleine vor den Schlitten gespannt und es hat tatsächlich Spaß gemacht. Ich
habe meine Muskeln gespürt, habe sie ganz bewusst angespannt und eingesetzt, um
die Chefin auf dem Schlitten zu ziehen. Seit ich hier bin, ist irgendetwas in
meinem Körper passiert. Ich werde nicht mehr schlapp. Je mehr ich zog, umso mehr
Spaß machte es. Kein Rucken des Schlittens brachte mich aus dem Gleichgewicht.
Ich spürte die Kraft in meinem Körper und ich spürte die bewundernden Blicke
meiner Chefin im Rücken. Und ich
verstand.
Ich habe
eine Aufgabe in meinem Leben. Es ist vorbei mit dem einfach vor sich hin leben.
Ich werde gebraucht. Ohne mich kommt die Chefin auf dem Schlitten nicht
vorwärts. Und ich will diese Aufgabe erfüllen, mit meinem ganzen
Samojedenherzen. Dass es dafür Fischstücke gab, war fast schon Nebensache.
Im Garten
wieder angekommen, erzählte die Chefin ihrem Mann, wie ich den Schlitten zog.
“Er hat eine wahnsinnige Kraft - wenn er losgeht, kommt der Schlitten mächtig in
Schwung.” Und ich spürte den Stolz, der in der Stimme mitschwang und spürte
wieder den bewundernden Blick auf mich ruhen. Ich
spannte alle Muskeln an, stolz stand ich zwischen den Beiden, lachte über mein
breites Gesicht und machte “Wuff” - jawohl, ich bin wer - schließlich bin ich
ein kräftiger Samojedenrüde.
23.
12. 1999
Die
Chefin hatte heute früh Stress, es waren noch mal viele Hunde zu ihr ins Zimmer
gekommen. Jetzt
sitzt sie hier, auf ihrem bequemen Stuhl, zurückgelehnt, die Augen geschlossen.
Und ich darf bei ihr sein. Ich habe
noch nie einen Menschen gesehen, der die Augen zu hat. Immer hat man mich
misstrauisch beobachtet. Wenn ich die Menschen angeschaut habe, spürte ich oft
ihre Unsicherheit, roch ihren Angstschweiß. Aber sie
sitzt einfach nur da und hat die Augen geschlossen. Es geht eine wahnsinnige
Ruhe von ihr aus. Ich möchte ihr plötzlich ganz nahe sein, ihren Körper spüren.
Vorsichtig, um sie ja nicht zu erschrecken, steige ich mit den Vorderpfoten auf
ihren Schoß, knabbere zärtlich an ihrem Ohrläppchen. Sie lässt es einfach
geschehen, keine Regung von ihr. Aber sie schläft nicht, ich spüre es. Ich lege
meinen großen Kopf an ihre Brust, schmiege mich ganz dicht an sie. Ich höre das
Herz ganz ruhig schlagen. Und ich spüre ein überwältigendes Gefühl von
Vertrauen, von Zugehörigkeit, von Stärke und gegenseitiger Achtung. Und ich
lasse mich vorsichtig herabgleiten. Ich möchte die Bande, die sich zwischen uns
gebildet haben, nicht durch eine unbedachte Bewegung zerreißen. Ich lege
mich mit einem befreienden Seufzer zu ihren Füßen.
Die Odyssee ist vorbei. Ich
habe meine Heimat gefunden und
M E I N
F R A U C H E N !!!!!!!
|