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Cleo und Kinder:

Cleo ist überhaupt ein Hund, der die Alphastellung gern in Frage stellt. Stehe ich auf der Stufe 10 der Rangordnungsleiter, steht sie bestimmt auf der 9,9. Ja gut, es gibt Situationen, wo sie das Handeln bestimmt. Bei der Therapiearbeit z.B., da hat sie ein prima Gespür, wie weit sie gehen kann, ohne die Kinder zu erschrecken. Oder wenn wir wandern. Cleo kennt immer den Weg, wenn sie schon einmal dort war. Ich verlasse mich da oft auf sie. Und wenn sie als Leithund arbeitet, sucht sie von sich aus den günstigsten Weg.

Manchmal komme ich in Situationen, da muß ich Cleo einfach nehmen, wie sie ist. Zum Beispiel bei Agility.

Bei Wettkämpfen muß ja ohne Halsband und Leine gelaufen werden. Das ist eigentlich kein Problem für Cleo, wenn da die Kinder nicht wären. Cleo würde nie wegen einer Katze oder einem Hasen den Parcour verlassen. Aber wenn ein Kind irgendwo weint oder lacht, muß Cleo nachsehen. Es war da manches Mal Schwerstarbeit für mich, Cleo im Parcour zu halten.

Bei einem Hallenturnier war einmal ein kleines Mädchen von ca 6 Jahren im Startbereich und hat immer die Leine vom Start zum Ziel getragen. Sie trug eine leuchtendrote Mütze und war richtig süß anzuschauen. Ich überlegte schon im Voraus ernsthaft, das Mädchen zu fragen, ob sie mit Cleo den Parcour laufen möchte. Aber das ging ja nicht. Also ging ich mit Cleo zum Start – sie schaute schon zum Mädchen – ein warnendes „Cleo!!!“ von mir. Cleo lief brav los, nahm die ersten drei Hindernisse, raste am oberen Ende noch korrekt in den Tunnel, nahm die Wippe im gestreckten Galopp, so daß sie noch runterschlug, sprang über die nächsten zwei Hindernisse zu dem Mädchen hin, gab ihr einen Schmatz auf die Wange und kam über die Hindernisse springend lachend zu mir zurück. Klar war ich durchgefallen. Der Richter schaute mich an und fragte „Was war denn das jetzt?“ Er kannte Cleo als sicher arbeitenden Hund.

Ich habe Cleo in solchen Situationen nie geschimpft, habe ich ihr doch gelernt, daß Kinder das Wichtigste auf der Welt sind. Aber irgendwie lag ihr das schon in der Wiege. Ich sage immer „Cleo ist der Gott der Kinder“.

Als sie gerade ein halbes Jahr alt war, war ich mit ihr beim Tierarzt. Das Wartezimmer war ganz schön voll. Eine junge Frau mit einem Baby, vielleicht 16 Wochen alt, kam zur Tür rein. Das Kind war in so einem kleinen Stuhl, den man auch als Sicherheitssitz im Auto verwenden kann. Neben mir der Stuhl war noch frei. Also setzte sich die Frau dahin und stellte das schlafende Kind neben sich auf den Boden. Sofort mußte Cleo schauen. Am liebsten hätte sie sich mit reingelegt. Ganz eng legte sie sich neben das Stühlchen, legte kurz den Kopf auf die Pfoten, um ihn gleich wieder zu heben und nach dem Baby zu schauen „Aja, es schläft noch, alles ok.“ Nach einer Zeit öffnete sich wieder die Tür und ein Mann mit Schäferhund kam rein. Sofort stand Cleo auf, stellte sich quer vor das Baby und brummte den Schäferhund an: „Keinen Schritt weiter!“ Und der drehte sofort ab. Das ganze Wartezimmer hat gelacht und Cleo schaute gleich wieder besorgt nach dem Baby und legte sich wieder zu ihm.

Als Cleo zwei Jahre alt war, waren wir auf einem 2 Tage Turnier. Wir zelteten auf dem Sportplatz. Ich selbst hatte meinen Anglerschirm dabei und schlief darunter, zwei Kinder aus der Jugendgruppe, damals 2. Klasse, schliefen daneben im Zelt. Cleo kannte die Kinder sehr gut. Sie durften schon oft mit Cleo üben. Cleo schlief nicht bei mir unter dem Schirm, nein, sie hielt die ganze Nacht neben dem Zelt Wache. Ich war öfters wach und hab sie beobachtet. Sie steckte immer mal die Nase unter die Zeltwand, um zu kontrollieren und schaute dann in die Umgebung. Jedes Geräusch nahm sie war und sicherte mit der Nase wie ein Wolf. Am nächsten Tag war sie so müde, daß sie auf dem Rücken liegend trotz des Trubels schlief. Zum 2. Lauf mittags mußte ich sie richtig aufwecken.

Aber glaube ja nicht, daß sie Kinder bedingungslos liebt. Dazu folgende Geschichte:

Von meinem ersten Wurf Wolfsspitze bekam eine Familie in Neustadt (ca 20 km Entfernung) einen Welpen. Sie haben zwei Kinder, 8 und 11 Jahre. Das 8jährige Mädchen T. zeigte sich sehr interessiert an den Hunden. Sie kam auch auf den Hundeplatz. Nun konnte ja ihre kleine Alice, so heißt ihr Hund, noch nicht viel machen. Also ließ ich das Mädchen mit meinen Hunden üben. Es klappte sehr gut. Sie hatte Talent, aber auch leider eine Mutter, die das Kind als Wunderkind hinstellte. Und das auch, wenn das Kind dabei war. So mußte ich oft den Übereifer bremsen, eben weil das Mädchen ja der Meinung war, sie kann alles. Aber meine Hunde arbeiteten sehr gerne mit ihr.

Ihre Mutter fragte mich, ob ich in ihrer Schulklasse einen Vortrag über Hunde, und wie man sich ihnen gegenüber verhält, halten würde. Eine kleine Vorführung wäre vielleicht auch nicht schlecht. Natürlich sagte ich zu. T. sollte mit Cleo einfach ein paar Übungen aus der Unterordnung, wie Fuß, Sitz und Bleib, Platz und Abrufen, zeigen. Am Anfang klappte es sehr gut. Nun hatte ich T. am Tag davor „such-verloren“ gezeigt  Ich redete gerade mit den anderen Kindern, da ließ T. Cleo ihre Uhr suchen. Das war ja noch nicht schlimm. Cleo suchte die Uhr, zeigte sie an und legte sich bei der Uhr hin. T. ging einfach hin, nahm die Uhr hoch, legte sie an eine andere Stelle und wollte Cleo erneut losschicken, die Uhr zu suchen. Cleo blieb liegen. Ich rief T. zu, sie soll Cleo loben und aufhören. T. ging zu Cleo, zog sie am Halsband hoch und schickte sie erneut suchen. Widerwillig suchte Cleo, zeigte wieder korrekt an und T. nahm wieder einfach die Uhr hoch und zog Cleo weg, ohne auch nur einmal zu loben.

Am darauffolgenden Wochenende hatten wir auf unserem Hundeplatz den Tag „Kind und Hund gehören zusammen“. Die behinderten Kinder kamen, wollten ihren Eltern zeigen, was sie alles mit den Hunden gelernt hatten. Und unsere Jugendgruppe sollte mit ihren Hunden etwas vorführen. T. hatte sich natürlich Cleo rausgesucht – mit der fällt man ja am meisten auf. Es war ein Trauerspiel, Cleo lief  keinen Schritt mit dem Kind, ließ sich an der Leine hinterherziehen, befolgte kein Kommando. Sie stand einfach nur da, hielt die Ohren seitwärts, machte die Augen zum Schlitz und ließ T. voll auflaufen. Ich holte Selina, nur ein Jahr älter als T., und Cleo lief mit ihr wie eine Feder, lachte übers ganze Gesicht und zeigte ihre Übungen. Auch mit den behinderten Kindern arbeitete sie problemlos. Wenn T. auf sie zukam, machte sie wieder Schlitzaugen und drehte sich weg. T. hatte sie in ihren Augen schamlos hintergangen und ausgenützt. Cleo läßt sich nicht vorführen, man muß sie schon als Partner achten und die Grundregeln einhalten. Dann arbeitet sie voll Freude und unermüdlich.